Geht der Radmuttern-Aufschrauber um? Eine andere Erklärung könnte überraschen…

Der Landkreis Ebersberg sucht gerade fieberhaft nach dem “Radmuttern-Aufschrauber”: Mittlerweile sieben Autos sind betroffen, es kam sogar zu Unfällen (Gottseidank niemand verletzt). Wie grauenhaft die Vorstellung, dass da jemand im ganzen Landkreis rumfährt und wahllos Mordversuche durchführt. Kann man sich da noch ruhigen Bluts hinters Steuer setzen? Allerdings muss man sich schon fragen: Wie viele Fälle von lockeren Radmuttern haben wir denn für gewöhnlich zu verzeichnen? Und: Kann ohne jeden Zweifel ausgeschlossen werden, dass sich die Muttern von selbst gelockert haben?

Die Jagd nach dem Phantom

Tatsächlich gibt es immer mal wieder solche Serien von flächendeckend auftretenden lockeren Radmuttern. 2014 gab es zum Beispiel in Niederbayerrn eine Serie von über 180 Autos UND in Schwaben eine Serie von über 160 Autos. Ein Täter wurde nie gefasst. Sehr wahrscheinlich führt diese absolute Horrorvorstellung mit hohem Tempo keine Kontrolle übers Auto zu haben (auch für mich!) und die mediale Berichterstattung zu mehr Aufmerksamkeit und zu einer erhöhten Anzeigebereitschaft – während man sonst einfach den Pannendienst anruft oder selbst die Muttern nachzieht.

Die aktuelle “Serie” in Oberbayern (mir sind jetzt “Fälle” aus den Lkr. Altötting, Rosenheim, Ebersberg und München zu Ohren gekommen) könnte ihren Ursprung bereits im November 2019 haben – wo eine Radmutter sich komplett gelöste hatte, die anderen aber fest saßen und einige Wochen zuvor ein Anti-SUV-Aufkleber auf dem Auto geklebt hatte. Gut möglich, dass da tatsächlich ein*e gemeingefährliche*r, autohassende*r Nachbar*in dahintersteckte – der über 500 Mal geteilte Facebook-Eintrag dürfte aber auch in anderen “harmlosen”, nur technisch begründeten Fällen den Verdacht einer hinterlistigen, absichtsvollen Manipulation provoziert haben. Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema ist da.

Grundsätzlich ist es richtig und wichtig, dass Polizei und Presse Verdachtsfällen ernstnehmen, ihnen gewissenhaft nachgehen und die Bevölkerung warnen. Bei der Serie in Niederbayern wurde damals sogar von der Polizei ein Sachverständiger eingeschaltet, mit folgender Erkenntnis:

“Mittlerweile kommen neue Ermittlungsergebnisse hinzu, sodass die ursprünglich angenommenen Deliktsfälle mehr und mehr auch in Richtung „technische Ursachen“ bzw. „Bedienungsfehler“ tendieren.”

Quelle: Mittelbayerische Zeitung

Zu einem ähnlichen Schluss kam man in Schwaben. Die niederbayerisch-schwäbische “Serie” von 2014 setzte sich übrigens 2015 in Unterfranken fort – auch dort ermittelte man zwar in alle Richtungen, machte aber schließlich technische Gründe als Erklärung aus:

“Auch könnten eingerostete Bremsscheiben langfristig dafür sorgen, dass die Radmuttern sich lösen, weil die Reifen dadurch ungleichmäßig belastet würden. Verrostete Schrauben könnten ebenfalls ein Auslöser sein. (…) Auffallend ist zudem, das sich die gelösten Radmuttern oft auf der linken Seite befinden. [Anmerkung TvS: wo die mechanische Belastung höher ist]. Betroffen seien Autos quer durch alle Fabrikate. ‘Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Serientäter.'”

Quelle: Mainpost

Ist das jetzt beruhigend? Ja und nein!

Eingerostete Bremsscheiben als Ursache wären jetzt, wo wir nach den langen Standzeiten in den ersten Monaten der Corona-Krise wieder mobiler werden, keine unwahrscheinliche Erklärung. Dass es bei 120.000 Kfz im Landkreis Ebersberg sieben Fälle gab, dürfte statistisch noch keine auffällige Häufung sein. Doch das würde bedeuten, dass wir jede Menge rollende Unfallgefahren auf unsere Straßen hätten – keine gute Vorstellung! Deshalb gilt: Wir sollten jetzt lieber einmal mehr als weniger das Auto zum Durchchecken bei der Werkstatt des Vertrauens abliefern!

Und ebenfalls kein Grund zur Beruhigung: Dass neben “harmlosen” technischen Gründen auch mörderische Manipulationen hinter den lockeren Radmuttern stecken könnten, zumindest im Einzelfall, lässt sich nach aktuellem Ermittlungsstand natürlich nicht zu 100% ausschließen.

Dass sich anderswo solche angeblichen Serien im Nachhinein als Jagd nach einem nicht existierenden Phantom herausgestellt haben, beruhigt mich persönlich aber doch sehr. Es ist eben doch sehr unwahrscheinlich, dass jemand unbemerkt (!) des Nächtens von Ort zu Ort fährt und wahllos & ohne Motiv Radmuttern aufschraubt.

Ich bin kein Staatsanwalt, Polizist oder Sachverständiger. Die Ermittlungsarbeit müssen wir selbstverständlich den Behörden überlassen. Mit diesem Beitrag möchte ich nur darum bitten, noch einmal inne zu halten und den Blick zu weiten: Lässt sich zweifelsfrei ausschließen, dass sich die Radmuttern von selbst gelockert haben? Wenn nicht, müssen wir uns allen auferlegen, mehrere mögliche Theorien parallel als für möglich zu verfolgen und das auch so kommunizieren. Es wäre doch jammerschade, wenn wir in einer ziemlich heilen Welt leben und völlig unbegründet mit Angst vor “dem Bösen da draußen” herumlaufen.

In diesem Sinn: Gute Fahrt, passt’s auf euch auf, bringt euer Auto regelmäßig zur Werkstatt!